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Ode an die Bienen

Verfasst von J.G. Beßler, im Jahre 1885

So lange die Erde und auf ihr die Menschheit besteht, wurde die Biene von den Menschen geliebt, geachtet und gepflegt. Ihre Geschichte ist so alt wie die Kulturgeschichte selbst, Fleiß und Ordnung, Reinlichkeit und Sparsamkeit, Mut und Ausdauer, Treue und Klugheit haben von jeher bei den Menschen als die schönsten Tugenden gegolten. Der Biene aber, kommen alle diese Vorzüge zu. Was Wunder, wenn dieses unscheinbare Insekt in der Kulturgeschichte eine Bedeutung gewann, die uns mit Staunen erfüllt; wenn sie überall als die treu behütete und sorgsam gepflegte Begleiterin und Freundin der auf der Bahn zur steigenden Zivilisation fortschreitenden Menschheit geworden ist?


Kein Volk kein Land hat so viele Geschichtsschreiber gefunden, wie diese Republiken arbeitsamer Insekten, deren Fleiß und Emsigkeit bei allen Völkern größte Bewunderung erregten. Ihre Geschichte ist gleichsam ein göttliches Gedicht, eine Ode, in welcher der Sagenschimmer früherer Gottheiten sie mit einem geheimnisvollen Nimbus umspannt und ihrem Dasein jenen wunderbaren Glauben verleiht, der auf Phantasie und Gemüt ebenso wirkt, wie wenn das Abendsonnenrot die leichten Wölkchen am fernen Horizont mit seinem glühenden Hauch verklärt.

Nie hat ein anderes Insekt so das Auge des Menschen auf sich gezogen, die Sprache zu solchen Feierklängen gestimmt, wie die Biene. Die Philosophie des Altertums, naturkundige Pädagogen, Dichter und Gelehrte achteten auf sie und suchten ihre Tugenden und Eigenschaften zu verherrlichen.

Die Bienen besitzen ihre eigene Sprache in Wort und Satz, in Reim und Sprichwort. Sie hat ihre Mythen, Sagen und Legenden, ihre Glaubenssätze, ihren Wunder- und Aberglauben bei allen Völkern. Sie erfreut sich ihrer Symbolik und eines tief in ihrem Wesen begründeten Rechtsbewusstseins und Rechtsgefühls.

 

Seitdem ist viel geschehen. Viele Werte haben sich verschoben oder gelten als überholt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse haben sich durchgesetzt und den Wissenstand, auch über die Biologie der Honigbiene, ungemein vergrößert. Die Faszination die von den Bienen ausgeht ist deshalb aber keinesfalls geringer geworden und es gelten nach wie vor die alten Weisheiten überlieferter Sinnsprüche.

Was nützt des Obstbaum’s Blütenpracht,
wenn nicht der „Bien“ draus Früchte macht
Kind, oh geh zur Biene hin!
Sieh die kleine Künstlerin,    
Willst Du Gottes Wunder sehn,
wie sie emsig sich bemüht
musst Du zu den Bienen gehen.
und aus allem Honig zieht!


 

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